» Wie heilig ist diese Stätte «

Erinnerungen von Hans-Michael Sims aus Schönebeck

Bräunsdorf hat in meinen Ohren einen guten Klang. Hier habe ich meine geistliche Prägung erhalten. Kaum zu zählen, wie oft ich da war: zu Rüstzeiten, an Wochenenden, zur Seelsorge, zu Arbeitseinsätzen in den Ferien oder einfach einmal so. Ich war in der Gemeinde ein Stück zu Hause, besonders bei den Brüdern und Schwestern auf dem Kirchberg. Der Gottesdienst am Sonntag war immer Höhepunkt. Darüber hinaus durfte ich als Gast an den Eucharistiefeiern und Gebetszeiten, an den Bibelstunden und Kreisabenden, ja sogar am Kirchenchor teilnehmen. Auf allem lag etwas von der Heiligkeit Gottes und der Unmittelbarkeit seiner Gegenwart - eigentlich vom Quartier im Ort bis zum Kern der biblischen Botschaft in der Verkündigung. Das vergisst man nicht!

Ich kam meist als Tramper nach Bräunsdorf, denn die vielen Besuche fallen in die Zeit meiner Ausbildung. Das war in den Jahren 1965 bis 1976. Ich studierte damals Kirchenmusik, Theologie, war im Vikariat und Predigerseminar. Bereits 1963 geriet ich zufällig ein erstes Mal nach Bräunsdorf. Die staatlichen Stellen der DDR lösten in Mildenau eine Rüstzeit der Jungen Gemeinde auf. Sie wurde nach einer Nacht- und Nebelaktion in Bräunsdorf fortgesetzt. Das klare Zeugnis einer Schwester und die klare Botschaft des Pfarrers gingen unmittelbar ins Herz. An diesen Ort wollte ich wieder kommen.

Das geschah im Sommer 1965. Mit der Absicht, meine ehemalige Orgellehrerin und Gemeindehelferin zu besuchen, die mir auf dem Weg des Glaubens viel bedeuteten - inzwischen waren sie "Bräunsdorfer Schwestern" geworden - befand ich mich unversehens in einer Jugendrüste. Das ursprüngliche Ziel meiner Reise konnte ich vergessen. Es war, als ob ich heiligen Boden betrat. Auf dem Kirchberg wurde man so in das Licht Gottes gestellt, dass einem nicht mehr Menschen wichtig waren, sondern der HERR selber. Und seine Gnadenerweise standen durch die Verkündigung greifbar im Raum. Der Glaube konnte sie fassen. In dieser Intensität kannte ich das vorher nicht.

Bräunsdorf wurde in den folgenden Jahren zum Ort meiner geistlichen Ausbildung. Die geschieht nicht so sehr im Hörsaal, sondern vor allem auf den Knien. Und dann ist wichtig, dass man von Vätern in Christus lernen kann und dies, wenn möglich, in der Gemeinschaft seiner Jünger. Hier haben mir der damalige Pfarrer, Bruder Gerhard Küttner, die Brüder und Schwestern auf dem Kirchberg und die ganze Gemeinde viel bedeutet! Gewiss, den himmlischen Schatz gibt es nie ohne das irdene Gefäß. Später haben sich manche daran gestoßen. Für mich ist das unerheblich. Ich habe die Botschaft vom Kreuz nie so klar und hilfreich gehört wie in Bräunsdorf. Und wenn es um das Amt eines Hirten und Lehrers geht, muss ich zuerst an Bruder Gerhard Küttner denken.

Nun hat in meiner Bräunsdorfer Zeit ein Ort immer eine besondere Rolle gespielt: die Kirche. Ihr Name "Zum Guten Hirten" schien mir nicht zufällig zu sein. Er gibt genau das an, was für mich darin stattfand: Man wurde zum guten Hirten geführt und begegnete ihm ganz persönlich. Etwas formaler möchte ich sagen: Die Kirche war für mich (1) ein Ort der Stille, (2) ein Ort des gemeinsamen Betens und (3) ein Ort der "schönen Gottesdienste des Herrn".

(1) Die Kirche als Ort der Stille

Wie oft habe ich mich dorthin zurückgezogen, um Gott zu begegnen. Vor Ihm musste man klar kommen mit allem, was durch die Botschaft und das Zeugnis des gemeinsamen Lebens auf dem Kirchberg angerührt worden war. Da wurde mitunter viel unheiliges Wesen offenbar. Man stand im Licht Gottes. Und das war nicht immer angenehm! Aber man konnte in der Kirche wie Hanna das Herz vor Gott ausschütten. Man konnte das Leben in seinen problematischen und notvollen Bereichen einfach durchbeten. Das ging - und zwar viel besser als an anderen Orten.

Der Raum war erfüllt von der Gegenwart des lebendigen Gottes. Andere saßen genauso in den Bänken. Niemandem war das peinlich. Wie viele heilige Entschlüsse wurden in der Kirche gefasst! Wie viele Schritte des Glaubens gegangen! Wie viel Wegweisung empfangen! Man hat geweint, man hat gejubelt, man hat gezögert und dann doch Gott das Ja gegeben. Auf jeden Fall: Man stand anders auf, als man sich gesetzt hatte. Man war einen Schritt weiter gekommen. Bis zum nächsten Mal, wo man wieder die Stille suchen musste und in ihr das Angesicht Gottes. Und dann ging man vielleicht einen nächsten Schritt. So wurde die gehörte Botschaft geistlich verdaut und zum Besitz. So kam man voran.

Nun gab es in der Kirche eine Botschaft besonderer Art: die Kreuzwegfenster. Sehr oft habe ich an den Führungen der Schwestern teilgenommen. Ihre Kreuzwegbetrachtungen in Wort, Gesang und Gebet waren von großer Klarheit. Sie gingen ins Herz. Sie waren auch eine gute Unterstreichung und Ergänzung dessen, was im Zentrum der Verkündigung von Bruder Gerhard Küttner stand. In der Stille hat man dann jedes Fenster selber durchmeditiert. Es gab Fenster, die es einem besonders angetan hatten. Oft saß man dann betend davor. Andere Fenster kamen entsprechend der persönlichen Situation und Verfassung dran. Auch das Tauffenster und die großen Fenster über der Empore waren in die Betrachtungen einbezogen und je eine Botschaft für sich. Aber alles passte zusammen, Inneres und Äußeres. Die Stille in der Kirche war eine ausgefüllte Stille.

(2) Die Kirche als Ort gemeinsamen Betens

Ich denke an das Elf-Uhr-Gebet, die Laudes, die Vaterunser-Gebete, die "Realitätengebete", die Gebete nach der Ordnung der Schöpfungstage. Es ist viel gebetet worden. Gebetsordnungen und gebundene Gebete hatten einen hohen Stellenwert. Aber sie waren nie nur Form, sondern immer mit Leben erfüllt. Was mir besonders auffiel, war die innere Weite, die Dimension des Leibes Christi in kirchlicher, geografischer und geschichtlicher Hinsicht. Man war verbunden mit allen, die ihre Knie vor dem beugten, der "auf dem Thron sitzt und dem Lamm" (Offb. 5, 13) - egal in welcher Konfession und Denomination, egal an welchem Ort auf dieser Erde, egal ob in der kämpfenden oder vollendeten Gemeinde. Auf diesem Hintergrund war für mich im Elf-Uhr-Gebet zum Beispiel das TE DEUM ein starkes Erlebnis. Ich hatte den Eindruck, dass die Engel, die Apostel und Propheten, die Märtyrer und Bekenner nicht nur in den Fenstern dargestellt, sondern tatsächlich gegenwärtig waren. Mich hat dieses Beten aus einer Enge befreit und Türen zu völlig neuen Räumen aufgestoßen.

Das gemeinsame Beten in der Kirche war weithin liturgisches Beten mit der Möglichkeit zu freien Einschüben. Aber wie oft geschah es, dass etwas von der Thronherrlichkeit Gottes durchbrach. Man fühlte sich von ihr umgeben und von der Welt Gottes durchschaut. Entsprechend bewegte man sich in der Kirche - auch außerhalb der Gebetszeiten. Nirgends kamen die verkündigte Botschaft und die erlebte Wirklichkeit so dicht zusammen wie in den gemeinsamen Gebeten an dieser "heiligen Stätte".

(3) Die Kirche als Ort der "schönen Gottesdienste des HERRN" (Psalm 27, 4)

Das hat mich in Bräunsdorf am meisten beeindruckt. Hier erlebte ich, dass Gottesdienst nicht nur Predigt bedeutet mit entsprechendem liturgischem Vor- und Nachspiel. Die Predigt war wichtig. Man war ja jedesmal gespannt, was wohl an Wort Gottes kommen würde. Man saß in der Bank und schrieb eifrig mit. Und was man in der Eile nicht zu Papier bekam, hörte man sich später noch einmal vom Tonband an. Ein Gottesdienst ohne Predigt, da hätte etwas Entscheidendes gefehlt. Hier empfing man Brot des Lebens. Davon konnte man sich nähren. Davon wurde man satt. Doch die Liturgie in all ihren Teilen war genauso durchdrungen von der Offenbarung des Herrn. Sie war nicht nur Beiwerk oder Formsache. Sie hatte ihr eigenes Gewicht. In ihr konnte der Heilige Geist ebenso wirken. Darum war sie lebendig. Es konnte passieren, dass man bereits beim Psalm oder bei einer Lesung so vom Wort getroffen wurde, dass schon Entscheidendes im Gottesdienst passiert war, ehe die Predigt begann. So etwas kannte ich vorher nicht.

Bei wirklich "schönen Gottesdiensten des HERRN" darf eins nicht fehlen: die Kirchenmusik. Die gab es in Bräunsdorf damals in reichem Maße. Das Singen des Chores, das Spielen der Orgel - das war ein eigenes Erleben. Nicht wegen der künstlerischen Leistung - auch wenn die für die ländlichen Verhältnisse beachtlich war. Nein, es geschah alles im Dienst und zur Ehre Gottes, und das war das Beeindruckende. Es gab eine innere Einheit mit dem Gottesdienstgeschehen als Ganzes, die nur der heilige Geist zustande bringt. Davon wurde man berührt! Der Chor sang in der Regel an jedem Sonntag. Sein Klang war ein Zeugnis in sich, weil etwas zum Ausdruck kam von der Reinheit Christi und dem Einssein seiner Glieder.

Ohne eine Gemeinde, die von Herzen ihrem HERRN folgt, würde das Eigentliche fehlen. Aber genau eine solche war da. Die Heiligkeit Gottes, die man beim Betreten der Kirche schon spürte, die den Gottesdienst prägte, besonders auch die Feier des Heiligen Abendmahles, diese Heiligkeit Gottes spiegelte sich in den Gesichtern der Gemeinde wider. Hier war "Gemeinschaft der Heiligen", hier war der HERR mitten unter seinem Volk. Und das ist das, was im Letzten den Gottesdienst wirklich schön macht.

Diese Eindrücke aus meiner Jugendzeit mögen in mancher Hinsicht einseitig sein. Doch viele haben es damals ähnlich erlebt. Gott geht mit seiner Gemeinde weiter. Es müssen neue Lektionen gelernt werden. Sie werden aber immer auf den alten aufbauen. Was von Menschen ist, wird vergehen - was von Gott ist, das bleibt!