» Im Mittelpunkt der Gottesdienst «

Erinnerungen von Superintendent i.R. Heinz Schönfeld

Wenn ich mich an Bräunsdorf erinnere, so denke ich zuerst an "die schönen Gottesdienste des Herrn", wie es im 27. Psalm heißt.

Ist man durchs Mitteldorf und um den stattlichen Dorfteich herumgefahren und kommt zum Anstieg des Kirchberges, so grüßt von der Höhe das schmucke Gotteshaus. Die meisten Kirchen, die um 1900 erbaut wurden, sind bei weitem nicht von so harmonischer Konzeption und so einladender Innengestaltung wie diese Kirche. Hier fühlt man sich geborgen. Der erste Blick geht zum Flügelaltar mit Maria und dem Jesuskind. Aus diesem mittelalterlichen Kunstwerk spricht die große Tradition, die uns umfängt. Ich habe auch den schwarzen Mauritius vor Augen und erkenne an dieser Gestalt die völkerübergreifende Weite der Christenheit.

Aber neben diesen Zeugnissen aus der Vergangenheit fesseln uns die zeitgenössisch gestalteten Buntglasfenster über den Emporen und die aussagekräftige Darstellung der Kreuzwegstationen in den unteren Fenstern. Jedes Bild will still betrachtet und meditiert sein. Das dunkle Holz der Innenausstattung lässt die Kirche wohltuend warm erscheinen. Ein würdiger Rahmen für die Sammlung der Gemeinde!

Für alle Bräunsdorfer Pfarrer, die ich kennen gelernt habe, gilt der Gottesdienst als die Mitte des Gemeindelebens. Diese Einstellung hat sich auch auf die Gemeindeglieder übertragen. Für ein verbindliches Christsein ist der sonntägliche Gottesdienst eine Selbstverständlichkeit. Das 3. Gebot hat nicht weniger Gewicht als die anderen Gebote. - Jedoch eine falsch verstandene evangelische Freiheit sowie Gleichgültigkeit hat in vielen Gemeinden dazu geführt, dass die meisten Kirchenbänke sonntags leer bleiben. Bittere Konsequenzen sind unübersehbar. - In Bräunsdorf dagegen hat man die Verheißung für den Gottesdienst nicht vergessen: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Matth. 18, 20). Es sind keine außergewöhnlichen Attraktionen oder aufsehenerregende Experimente zu nennen, die den Bräunsdorfer Gottesdienst auszeichnen. In meiner Erinnerung ist er vielmehr erfüllt von reicher, gelebter Liturgie, fröhlichem Singen der Gemeinde, erfrischender Musik von der Orgelempore und biblischer Verkündigung. Mit einem Wort: so wünsche ich mir evangelischen Gottesdienst.

In diesen Zusammenhang gehört auch das Bräunsdorfer Erntedankfest. Es bleibt meiner Frau und mir unvergesslich. Jedes Jahr bekam die Botschaft des 1. Glaubensartikels einen anderen Aspekt. Die Schwestern hatten Wochen vorher ein Thema gewählt und dann künstlerisch gestaltet, indem sie das Gotteshaus nicht nur einfach schmückten, wie das landläufig üblich ist, sondern vielmehr es mit Früchten vom Feld und aus dem Garten, mit Blumen, Bildern, Bibelworten und Liedstrophen an den Emporenbrüstungen zu einem sichtbaren Gotteslob verwandelten. Ein Jahr schöner als das andere! Viele Leute von nah und fern haben in diesen Erntedank von Herzen eingestimmt. Nirgends sonst habe ich solch stilvolle Ausgestaltung einer Kirche gesehen. Unübertrefflich!

An diesem Tag feierte man in Bräunsdorf nicht nur einen Gottesdienst, sondern es war über den ganzen Tag ein fröhliches Musizieren angesagt, an dem sich Orgel, Posaunenchor, Flötenkreis, Kirchenchor, Jugendchor und natürlich die Gemeinde im Wechsel beteiligten. Was war das für ein Fest auf dem Kirchberg! Nicht zu vergessen, dass für alle Besucher im Gemeindesaal auch noch Kaffee und Kuchen gereicht wurde! Wir erfreuten uns eines kleinen Kirchentages, der weit über die Ortsgemeinde hinaus Leute aus der Umgebung anlockte. Das spürte man bereits bei der Anfahrt zur Kirche, wenn auf dem Platz hinterm Gemeindehaus keine Parklücke mehr zu finden war und man darum am großen Gemüsegarten vorbei bis auf den Feldweg hinausfahren musste. Zum Erntedankfest erlebten wir Volkskirche im besten Sinne des Wortes.

Ich erinnere mich mit Dankbarkeit auch an so manches übergemeindliche Treffen. Wenn es in Bräunsdorf stattfand, gab es zwar Probleme der Anreise für manche Gemeinden, aber es hat sich jedes Mal gelohnt, in Bräunsdorf einzukehren. Man spürte die geistliche Ausstrahlung, die bekanntlich weit über den Kirchenbezirk hinausging. Gelegentlich hielten wir hier unsere Ephoralkonferenz mit Familien und wussten, dass wir durch die Gastfreundschaft der Schwestern allemal gut betreut wurden.

Wie oft bin ich wohl zwischen 1971 und 1994 vom Schlossplatz in Chemnitz nach Bräunsdorf gefahren? - Ich weiß es nicht. Manchmal allerdings auch mit schwerem Herzen, nämlich in den Krisenzeiten, als es tiefgreifende Auseinandersetzungen in der Gemeinde gab. Ernste Einzelgespräche, schwierige Kichenvorstandssitzungen sowie Kirchgemeindeversammlungen waren nötig. Bei allen Spannungen wurde jedoch auch erkennbar, dass mit echter Gewissensbindung und Überzeugungstreue gerungen und dass gebetet wurde. Von den Wunden sind Narben zurückgeblieben. Das war unvermeidlich. Nun hat aber der Gottesdienst einen so hohen Stellenwert in Bräunsdorf, dass er für alle Glieder der Gemeinde - trotz allem - die Mitte des Gemeindelebens geblieben ist. Gott sei Dank! - Eine Erfahrung aus der Ökumene besagt: je näher wir Christus kommen, umso näher kommen wir auch einander. Dies gilt nicht nur für die Weltchristenheit, es gilt auch für die Gemeinde.

Bei der Weihe der Kirche "Zum Guten Hirten" am 17.9.1900 - so steht es in der "Neuen Sächsischen Kirchengalerie" - hatte der damalige Ortspfarrer die Festpredigt gehalten zu dem Heilandswort Matth. 11, 28: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken" - Davon lebt die Gemeinde auch heute.