» Gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat. «

Erinnerungen von Horst Winkler aus Bräunsdorf

Wir feiern 100 Jahre Kirche "Zum Guten Hirten" und freuen uns über unser schönes Gotteshaus. Es ist ein Ort der Begegnung, wo Gottes Wort verkündigt wird, ein Haus aus Steinen gebaut, renoviert und gepflegt bis in unsere Zeit.

Aber Kirche, das heißt griechisch: "die des Herrn sind." Das sind die, die sich an Jesus Christus als Herrn und Heiland halten, die sich als lebendige Bausteine in ein geistliches Haus einordnen und gebrauchen lassen. (1. Petr. 2, 4)

Wir schauen dankbar 48 Jahre zurück, da gab es einen geistlichen Einschub, eine Erweckung zu neuem Leben. Der Kirchenvorstand hatte Pfarrer Gerhard Küttner, der vorher in Sosa war, gebeten, die Pfarrstelle in Bräunsdorf zu übernehmen. 1952 wurde Pfarrer Küttner in Bräunsdorf eingewiesen und im gleichen Jahr fand eine Evangelisation mit verschiedenen Brüdern des Volksmissionskreises statt. Die Heilsbotschaft der Bibel wurde verkündigt für die vielen Menschen, die allabendlich in die Kirche kamen, bis zu 600 Leute waren auf engem Raum beieinander.

Das Wort Gottes brach die Herzen auf, es kam zu einer Bußbewegung und Hingabe an Jesus. In vielen Seelsorgegesprächen kam es zur Befreiung von Schuld und okkulten Bindungen. Vielen Menschen wurde deutlich, trotz Zugehörigkeit zur Kirche, wie sie, wie der verlorene Sohn im Gleichnis der Bibel davongegangen waren und ein Leben ohne Gott führten. Die Freude aus der Seelsorge mit dem Zuspruch: "Dir sind deine Sünden vergeben" war Befreiung von Lasten und eine Kehrtwende im Leben des Einzelnen. Das war ein entscheidender Punkt am Anfang des geistlichen Weges in Bräunsdorf, mitgetragen mit den Glaubensgeschwistern des Volksmissionskreises.

Vorher gab es auch schon entschiedene Christen, die in der Gemeinschaftsbewegung standen oder durch die Verkündigung durch den blinden Bruder, Horst Webers, zum Glauben kamen. Um eine Erweckung wurde schon Jahre vorher gebetet. Wir erlebten die befreiende Botschaft durch Jesus, der Glaube wurde gestärkt und Freude an der geschwisterlichen Gemeinschaft geschenkt. Verbindliche Lebensäußerungen durch Stille-Zeit-halten mit dem Herrnhuter Losungsheft, Bibellesen, Einübung im Gebet und Austausch nährten manches zarte Glaubenspflänzlein. Auch die Liebe zum Volk Israel und unsere Verbindung zum Volk Gottes im Gebet öffnete den Glaubenshorizont. Die Bibel hatten viele jahrelang nicht gelesen. Sie war im Schrank entsorgt, und plötzlich sprach Gott aus seinem Wort zu jedem persönlich. Dürfen wir doch seit der Bibelübersetzung von Dr. Martin Luther Kirche des Wortes Gottes sein. Das Tischgebet bekam neuen Raum und das persönliche Zeugnis von der Liebe Gottes, die das Leben verändert. Auch praktische Dienste im Bereich des Kirchberges und ins Dorf hinein prägten den Gemeinschaftssinn. Da war z.B. Holz im Wald zu schlagen, zu sägen und zu hacken; Wasserleitung aufzugraben, Klärgrube zu bauen, Ziegel abzuladen und zu transportieren u.v.m. Auch das Schmücken zum Erntedankfest mit Blumen, mit mancher Bastelei zu Gottes Ehre bringt bis heute die Dankbarkeit zu Gott zum Ausdruck.

Durch den geschenkten Gemeinschaftssinn wurde manche Begabung geweckt. Auch das Opfer, der Zehnte als Richtschnur und der Gottesdienstbesuch, möglichst jeden Sonntag mit Heiligem Mahl wurden uns wichtig. Das Singen im Gottesdienst bekam einen neuen Glanz, manches Lied wurde im Geschwisterkreis eingeübt und der Gottesdienst in seinen Aussagen in Liturgie, Lobpreis, Gebet, Anbetung und Predigt von Pfarrer Küttner erläutert. Der Geist Gottes deckte auch auf. Manches Gut musste zurückgebracht und die Bitte um Vergebung ausgesprochen werden. Versöhnung mit dem Nächsten und Teilen von Besitz stärkte die geschwisterliche Gemeinschaft. Die Botschaft vom Kreuz, das Opfer Jesu in seinem vollen Umfang war zentrales Thema zur Weiterführung im Glauben. Sollte es doch jeder erfassen, was es Gott gekostet hat, uns zu erlösen.

Der Wunsch, einen Ort der Begegnung und des Gebetes außerhalb von Pfarrhaus und Kirche zu haben, wurde mit dem Gedanken laut, die alte Pfarrscheune umzubauen. An einen Neubau hatte keiner geglaubt, bis nach dem 17. Juni 1953 von staatlicher Stelle die Möglichkeit offen war. So konnte der Saal mit Opfern der Gemeinde, des Volksmissionskreises, Gebet und persönlichem Einsatz 1954 schuldenfrei eingeweiht werden.

Der Blick über die Gemeindegrenzen hinaus im ökumenischen Sinn schenkte uns Begegnungen mit Brüdern und Schwestern aus anderen Konfessionen und Kreisen. Es war uns deutlich, wer aus dem Opfer Jesus lebt, ist ein Bruder oder Schwester aller Christenmenschen. Da gab es Begegnungen mit Katholiken, Methodisten, Adventisten, Herrnhutern, Baptisten, Lutheranern, Judenchristen, Brüdern und Schwestern vom gemeinsamen Leben, zu den Kommunitäten der Christusbruderschaft Selbitz, den Evangelischen Marienschwestern und anderen. Wir nahmen teil an ihrem Glaubenszeugnis und wurden mit ihnen gesegnet. Noch heute erinnert der Christuskorpus am Kreuz im Gemeindesaal an ein Geschenk von den Evangelischen Marienschwestern. Es gab viele Begegnungen bis hin nach Amerika und der damaligen BRD. Mancher erinnert sich auch der Literatur zur Weiterführung im Glauben aus dem Verlag von Dr. R. Fr. Edel.

Die Rüstzeitarbeit weitete sich aus, die Botschaft, welche Pfarrer Küttner erschlossen war, sollte über die eigene Gemeinde hinausgehen. Rüstzeiten für Pfarrer, Pfarrfrauen, Familien, Ledige und Witwen, Urlaubszeiten mit Kinderbetreuung fanden statt. "Herberget gern", das Bibelwort haben viele Glaubensgeschwister praktiziert und oft ihr eigenes Bett zur Verfügung gestellt. Dahinein formierten sich die Bräunsdorfer Schwestern aus Ledigen und Witwen, die frei sein wollten für Gott und die Menschen. Außer ganz praktischen Diensten war der Gebetsdienst für Rüstzeiten, Gemeinde und Kirche ein wichtiger Dienst.

Die Einheit unter den Konfessionen und Kreisen unter dem einen Evangelium auch als priesterlicher Dienst in die Kirche hinein wurde wichtig. Im 11.00-Uhr-Gebet wird das Anliegen der Einheit ausgedrückt, dabei denken wir auch an das Zinzendorf-Lied "Herz und Herz vereint zusammen". Den Geschwistern vom gemeinsamen Leben war es vertraute Praxis, was Bruder Eugen Belz, ihr Vorsteher, in jetziger Form formulierte. So lernt einer vom anderen ohne Religionsvermischung zu betreiben.

Für manches Gemeindeglied wurde der Glaube auf eine harte Probe gestellt im Alltag und Beruf. Verzicht auf Kariere musste um des Glaubens willen im atheistischen Staat angenommen werden ohne den Glauben zu verleugnen. Auch dahinein wurde Gottes Hilfe erfahren. Anfechtungen wurden auch im Geschwisterkreis nicht erspart. Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen, wir sind durch Höhen und Tiefen, Segenszeiten und Schwierigkeiten gegangen. Ja, schuldig werden wir immer wieder, so wurde uns im Vaterunsergebet eine Lebenslehre gegeben: "Vergib uns unsere Schuld" dürfen wir täglich vor Gott und den Menschen aussprechen. Im Leben miteinander dürfen wir auch weiterbeten "... wie wir vergeben unseren Schuldigern", ein Schlüsselwort in der Nachfolge Jesu.

Der praktizierende Glaube braucht Gemeinschaft, Nahrung aus Gottes Wort, Gebet und Fürbitte und immer wieder Beistand des Heiligen Geistes, der in alle Wahrheit leitet.

Wir wollen den Weg des Glaubens mit den anvertrauten Pfunden in unserer Gemeinde weitergehen. In Dankbarkeit denken wir an die Pfarrer, die bis heute die Botschaft der Bibel gelehrt haben und lehren und mit der Gemeinde leben.

Es ist sein Werk, Gott allein die Ehre.