» Wie das Bräunsdorfer Gotteshaus einige Jahre zur frischen Weide für die Jugend des Kirchenbezirkes Chemnitz II geworden ist «

Erinnerungen von Jugendwart i.R. Kurt Ströer

So etwas sieht man auch in Bräunsdorf nicht alle Tage! Es ist Sonntag, der 1. Februar 1970. Über Nacht hat es kräftig geschneit. Und nun ist auch das Limbacher Land in eine prachtvolle weiße Landschaft verwandelt worden. Welch ein Anblick: So etwa ab 13.30 Uhr wird dieses Weiß dort, wo Zugangsstraßen nach Bräunsdorf sind, von vielen bunten Tupfern durchsetzt, die - vor allem aus Richtung Oberfrohna kommend - sich als eine immer größer werdende Schar junger Leute entpuppt. Sie alle streben mit größter Selbstverständlichkeit den Bräunsdorfer Kirchberg hinan. Ihr Ziel ist die etwa 70 Jahre alte neo-romanische Kirche "Zum Guten Hirten". Bald füllen sie den Kirchenraum, die Emporen. Der Bräunsdorfer Schwestern- und Jugendchor stimmt unter Kantor Klaus Küttner einen vierstimmigen Liedsatz an. Ich lasse dabei meinen Blick über die vielen, vielen Köpfe schweifen. Und ich bin erstaunt, was sich da an jung und alt so alles sonntags 14.00 Uhr

zum ersten ephoralen Jugendbibelseminar

eingefunden hat. Vorwiegend junge Leute sind es. Aber ich sehe auch manchen Erwachsenen, etwa Pfarrer der Umgegend, aber z.B. auch den Pfarrer aus Sosa im Erzgebirge, Rolf Scharschmidt, der mit unserer Jugendarbeit durch viele Konfirmanden- und Bibelrüstzeiten als großartiger, freizügiger, liebreicher Gastgeber eng verbunden ist. Ja, und dann steht der damalige Bräunsdorfer Ortspfarrer Gerhard Küttner mit der Botschaft Gottes vor diesen vielen jungen Leuten. Dies war der Auftakt zu einer Reihe von Bibelseminaren für junge Leute vorwiegend aus dem Kirchenbezirk "Karl-Marx-Stadt II" (so hieß das damals ...!) Fünf oder sechs solche Sonntags-Nachmittage pro Jahr waren geplant. Drei Jahre lang lief dieses Vorhaben.

Wie es dazu kam? Hinter uns lagen die vielen Bibelrüstzeiten des Sommers 1969. Eine dieser Freizeiten mit etwa 35 jungen Leuten in Buckow (Mark Brandenburg) unter Leitung unserer damaligen Jugendwartin Elisabeth Krebs und unter geistlicher Mitarbeit von Diakon Wolfgang Hampel war ein außergewöhnlicher geistlicher Höhepunkt geworden: Ein geistliches Erwachen besonderer Art, wie es in unserer ev.-luth. Kirche und in ihrer Jugendarbeit bisher unbekannt war. Junge Leute hatten direkt oder auch unter Handauflegung und Gebet "Geistesgaben" empfangen. Vorwiegend in Form des sogenannten Sprachengebetes, manche auch die "Auslegung" dazu. Manches hatten wir bisher nur in den sogenannten "Pfingstler-Freikirchen" gehört, nicht unberechtigt kritisch gehört! Nun auf einmal waren wir selbst damit konfrontiert. Und es war verständlicherweise unter uns allen - Pfarrern wie Laien - eine große Unsicherheit darüber, was davon wohl echt sei. Die Sorge machte sich breit, ob da nicht auch ein Hang zur Schwärmerei auftreten könne oder gar schon vorliege ...!

Nun wussten die Jugendwartin und der Jugendwart, dass es eine Stelle in unserer sächsischen Landeskirche gibt, wo diese "Charismen" nicht unbekannt sind, nämlich unter den Bräunsdorfer Schwestern. Und so war es naheliegend, dass wir nach umfassendem Bericht an unseren damaligen Superintendenten und an unseren Ephoraljugendpfarrer mit deren Einverständnis nach Bräunsdorf "wallfahrteten", um Pfarrer Gerhard Küttner zu informieren und um evtentuell Hilfe und Wegweisung zu bitten. Denn es war uns ja ein großes Anliegen, dass einerseits keine ungeistliche schwärmerische Sache daraus würde, dass wiederum aber auch solch ein Geschenk nicht einfach "verpuffen" dürfe! Da ist es uns nun unvergesslich, wie Pfarrer Küttner ohne Zögern und mit großer Bereitwilligkeit sich der Sache angenommen hat.

So kam es zunächst zu einem großen Treffen der Jugend und ihrer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter am

Sonnabend, dem 27. September 1969

im großen Versammlungsraum des Röhrsdorfer Parkes (Rehgarten). Das war damals noch eine lange windschiefe Holzbaracke mit unzähligen Fenstern ringsum. Dichtgedrängt saßen wir nebeneinander. Aber der Raum reichte bei weitem nicht aus. Immer neue Interessenten - darunter fast vollzählig unser großer ephoraler älterer Ehekreis des Kirchenbezirkes - strömten herzu. Und so wurden alle Fester und Türen weit geöffnet. Die Massen lagerten sich "im Barackenrund" rings um das Haus und lauschten. Das Thema des Referenten war:

"Geistesgaben und Geistesfrucht"

Es war mir wohltuend zu erleben, wie Pfarrer Küttner in keinster Weise zu einem billigen "Halleluja-Christentum" ermunterte, sondern sehr deutlich auch über Gefahren solch geistlichen Erwachens gerade auch unter jungen Leuten warnend gesprochen hat.

Was nun kam, war eine sehr bewegte Zeit! Denn das, wovor Gerhard Küttner so eindringlich gewarnt hatte, war doch nicht zu verhindern. Und so drohte das, was in Buckow geschenkt worden war, durch Übertreibungen und seelische Emotionen verwässert zu werden und in falsche Kanäle zu fließen. Was tun?

Da war es abermals Pfarrer Küttner, der den einzig richtigen Rat hatte: "Für euch alle ist jetzt noch gar nicht dran, Geistesgaben zu praktizieren! Ihr braucht eine ganz andere Grundnahrung: nämlich die Botschaft vom Kreuz Christi. Ich biete euch ein ephorales Jugend-Bibelseminar in der Bräunsdorfer Kirche an." Mit dankbarer Freude haben wir damals dieses Angebot aufgenommen. Und so ist für ca. 3 Jahre Bräunsdorf mit seiner Kirche "Zum Guten Hirten" der geistliche Mittelpunkt unserer damaligen Kirchenbezirks-Jugendarbeit geworden. Dort wurde uns nach 3. Mose 8 Nahrung geboten, die geistlichen Grund gelegt hat. Ein paar wenige Grundgedanken aus der Erinnerung:

"Eins ist wichtig: Jesus großmachen!"

"Nachfolge Jesu fängt nicht bei Exklusivdingen an! Auch bei Jesus ging das ganz seinen schöpfungsmäßigen Gang durch Erziehung im Elternhaus in Nazareth, in der Ordnung der heimatlichen Synagoge, in Einordnung und Unterordnung in Familie und Lehre. Und dies alles bis zu seinem 30. Lebensjahr in gehorsamer Erwartung bis der göttliche Ruf und Auftrag Gewissheit und Wirklichkeit wurde."

"Der Heilige Geist sprengt nicht Ordnungen, ER füllt sie!"

"Echtes geistliches Wachstum ist nur möglich in gehorsamer Nachfolge. So entsteht Geistesfrucht - gar nicht anders, keinesfalls spektakulär!"

"Charismatisches Leben entwickelt sich nur gesund in Verbindung mit der Ordnung der Dienste und Ämter in der Gemeinde Jesu."

"Neues Wachstum nach diesem geistlichen Aufbruch hängt davon ab, dass junge Leute daheim in ihren Gemeinden ein Nest finden, Väter und Mütter im Glauben, die sie anleiten und sie weiterleiten."

Und dabei konnte man immer wieder Küttners besondere Gabe erleben. Er konnte wie kein Zweiter die großen biblischen Aussagen zerkleinern und der Jugend in genießbaren Stückchen servieren. Sein Lieblingsgedanke war, immer wieder auch über den Segen Gottes und über das Segnen durch die Seinen zu sprechen. Er ermunterte geradezu:

- Eltern segnen die Kinder -

- Hausväter segnen Frau und Familie -

- Gemeindeleiter segnen die Gemeinde (einzeln, insgesamt) -

- Segnen bei Seelsorge -

- Segnen bei vielen anderen Gelegenheiten.

Ganz besonders habe ich immer neu gestaunt über das "Wie" der Küttnerschen Verkündigung: Wir Jugendarbeiter meinen doch (noch heute), dass es bei der Botschaft an die Jugend in der Form ganz jugendgemäß zuzugehen hat, "weil sonst keiner hinhört" oder "schon bald wieder abschaltet". Und darum bemüht man sich um eine jugendgemäße Sprache und erarbeitet mit Mühe und Erfindergeist hinführende Spiel-Szenen, man arbeitet mit Lichtbildern, Tonband, Video und allerlei solchen "Zugmitteln". Um der Sachen willen! Nicht so bei Küttner:

Er hatte keine rasante Einführung vorbereitet. Er sprach so, wie er immer zu seiner Gemeinde redete. Manchmal hatte man den Eindruck: "Das geht aber leise und lahm los". Es war also wirklich keineswegs "spannend"! Und doch: Welch ein Geheimnis! Es war ein Lauschen da, manchmal bis zu zwei Stunden insgesamt. Und es gab viele junge Leute, die eifrig mitgeschrieben haben oder ihr Tonbandgerät laufen ließen. Und wenn es dann zu Ende war und wir den Kirchberg hinunterstiefelten und uns auf den Heimweg machten, da kam es uns vor, "als hätten wir alle eine ganz reiche Mahlzeit empfangen". Und dieses "Sättigungsgefühl" hielt an!

Dieses Bibelseminar war - im Rückblick beurteilt - der eigentliche und wohl auch bleibende Segen dieses geistlichen Erwachens damals in Buckow. Es hatte auch "sichtbare" Wirkungen:

- Es gab viel Seelsorge (als eine Art Echo auf die Botschaft)

- Es gab nicht wenige Austritte aus der sog. FDJ

- Junge Leute empfingen Berufungen in den kirchlichen hauptamtlichen Dienst bzw. zur Ausbildung dazu.

- Es strömten uns nicht wenige junge Leute auch von außerhalb unserer Kreise zu.

- Und so mancher dieser angerührten jungen Leute entwickelte sich zum "Laien-Mitarbeiter". Und so gingen sie von Jugendabend zu Jugendabend in "Karl-Marx-Stadt I und II", hielten Jugendstunden, legten Zeugnis ab, führten Gespräche.

- Ja, sogar auf das jährliche Jugenddankofpfer hatte dies alles seine positive Auswirkung!

So ist uns das Bräunsdorfer Gotteshaus "Zum Guten Hirten" einige Jahre zur frischen Weide für viele, viele junge Leute geworden. Und diese einst so jungen und nun schon lange nicht mehr so jungen Leute gratulieren zum 100-jährigen Bestehen in Dankbarkeit und mit vielfältigen Segenswünschen auch für die Zukunft!